Gaspar Noé – Enter the Void
Größe ist, wenn man das Feuer der Erwartungen anfacht, schürt, Öl in die lodernden Flammen gießt, bis sich eine alles verzehrende Feuerwalze durch die begehrenden Sinne frisst – und diese Erwartungen noch übertrifft. Gaspar Noé gelang das mit seinem neuen Mammutwerk Enter the Void. Premiere feierte der Film in Cannes 2009, bis zum deutschen Kinostart vor wenigen Wochen sprach Noé von seinem 2001, von Planungen seit der frühen ’00er, von Drogentrips, von berauschenden Bildern, die er nur spärlich trailerte.
Was sich dann auf der Leinwand entfaltete, ist eine 2 1/2-stündige Eruption visueller Prophetie, ein bildgewaltiger Feuersturm, ein das Kino der letzten zwanzig Jahre brachial überrollendes Gigantenwerk. Die inhaltsorientierte Gelegenheitskritik urteilte früh, schmähte die Handlung, ergoss sich in Fortführungen der philosophischen Ansätze, disputierte über Moralismus, über Religion, den Sinn des Lebens, erging sich in ontologischen Fragestellungen. Was sie nicht verstand und nicht versteht: Das alles ist irrelevant. Noé nutzt buddhistische Daseinsvorstellungen aus dem Tibetischen Totenbuch, um daran seine Handlung zu orientieren. So wird im Neonlabyrinth von Tokios Straßen der Dealer Oscar in einen Hinterhalt gelockt und im Club “The Void” erschossen. Seine Seele verlässt daraufhin seinen Körper und irrt auf der Suche nach einer Möglichkeit zur Wiedergeburt durch Tokio. Dabei verfolgt der Geist insbesondere seine Schwester Linda, der er als Kind schwor, sich niemals von ihr zu trennen. Die Handlung ist fragmentiert, nichtlinear und verwoben mit teils schockierenden Einsprengseln aus Oscars Vergangenheit.
Das alles ist irrelevant. Im Angesicht der Bilder, ja sogar der nackten Technik. Noé filmt aus strikter Ich-Perspektive von Oscar, inklusive Lidschlag, was an die Jump Cuts Jean-Luc Godards erinnert. Das wird dann brilliant, wenn Oscar in einer jetzt schon klassischen Szene seinen Körper verlässt, nachdem er in einer schäbigen Latrine erschossen wurde: Von diesem Zeitpunkt an schwebt der Geist mal rasend schnell, mal mäandernd langsam durch Tokio, durchdringt Wände, wechselt Perspektiven, infiltriert Körper und bewegt sich absolut frei im Raum. Technisch einmalig wechseln Perspektiven und Bewegungen einander ohne jeden Schnitt ab, auch Objektive scheinen mitten in der Szene ausgetauscht zu werden. Auch hier legt Noé seine Einflüsse wenig geheimniskrämerisch offen: Maya Deren begann vor knapp 70 Jahren mit ähnlichen Stilexperimenten, die Noé innerhalb von 3 Filmen zu seinem eigenen, hochgradig charakteristischen, mit Enter the Void vervollkommneten Stil entwickelte.
Was diese Technik zeigt, ist bisher unerreicht. Der dichte Lichterwald Tokios wirkt überwältigend, ein verwirrendes Neonlabyrinth macht nicht nur das Licht als jahrhundertelang geltende Orientierungsquelle und rettendes Symbol obsolet, sondern sieht schlicht atemberaubend aus, auch in dem Modell Tokios, das ein Mitbewohner von Oscars Freund Alex in seinem Zimmer errichtet hat. Diese Modellebene nutzt Noé für Querverweise und interessante Ebenenshifts, bei denen Bilder und Geschehnisse sich in Modell und Realität angleichen. Träume und Drogenhalluzinationen Oscars werden als animierte, organisch-fantasievoll-kaleidoskopeske Bildexperimente inszeniert, die in ihrer Grellheit oft schwer zu ertragen, aber dafür umso eindrucksvoller sind. Durch schnittlose Szenenübergänge zwischen den Lichtwelten der Innen-und Außenwelt wird eine überragede Visualität geschaffen, häufig unterstüzt durch Geometrie: Der Kreis als Symbol des Lebens, der Wiedergeburt und der Ziellosigkeit zugleich fungiert als Wurmloch zwischen den Ebenen. Selbst der Vorspann ist eine epileptische, erbarmungslose Tour de Force. Angesichts einer solchen Bildgewalt in technisch perfekter Aufarbeitung tritt alles andere in den Hintergrund, Handlung und Aussage, Philosophie und Implikationen (Stan Brakhage!). Dieses Epochenwerk atemt den Geist einer Idee, die fast niemand wahrnimmt: Kunst ist eine Geschichte der Form und ihrer Weiterentwicklung. Während Inhalte sich, provokant vereinfacht, auf eine der drei Entitäten Romeo und Julia, Ödipus und Faust oder einer Kombination dieser drei reduzieren lassen, verewigt sich überdauerndes Genie in der Form.
Über allem steht Stanley Kubricks 2001, jener filmische Urknall aus dem Jahre 1968. Noé nimmt inhaltlich und besonders bildlich vielfach Bezug auf sein großes Vorbild, das zugleich das Vorbild allen Films ist. Die orgiastische Schlussszene in einem Bordell gipfelt in der Vereinigung von Oscar und Linda, von Mann und Frau und erschafft Leben, so wie Kubrick einen Planeten zu den Bläsern von “Also sprach Zarathustra” gebar. Die Zeit wird zeigen, ob Enter the Void im gleichen Satz genannt werden wird. Im gleichen Abschnitt jedoch wird man es lesen. Ohne jeden Zweifel.
