Weekly Crime Scene: Polizeiruf 110/Rostock
Da die Zeit der institutionalisierten Verblödung und Tristesse pünktlich mit dem Semester beginnt, ist es wieder notwendig, diesen Blog zu reanimieren. Ich möchte das zunächst mit einer (von nun an regelmäßig stattfindenden) Betrachtung des Sonntag-Abend Krimis der ARD tun, dem vermutlich letzten Baldachin eines bröckelnden bürgerlichen Familiengefüges, gelten Tatort und Polizeiruf doch vielen als unantastbarer Sonntags-Abend-Wohnzimmer-Termin für solide, intelligente Kriminalkost.
Das dies vielfach zutrifft, illustrierte der Polizeiruf aus Rostock vom gestrigen Abend. Das neue Team, bereits in der Vorwoche eingeführt, besticht durch charakterliche Tiefe: Die moderne, vegetarisch-sportliche Karrierefrau König vom LKA und der kompromisslose Straßenbulle Bukow (gegen den sie ein internes Ermittlungsverfahren führt) aus dem Plattenbauviertel und mit Verbindungen zur Unterwelt umkreisen sich in einem ambivalenten Verhältnis aus Misstrauen und zu-einander-hingezogen-fühlen. Die vordergründige Abneigung Bukows gegenüber seiner Kollegin desavouriert dieser durch erotische Träume selbst, versucht beim spontanen Flaschendrehen einen Kuss zu erhaschen und beschäftigt sich im Abspann mit Pink Floyd, die König zuvor gehört hatte – eine der extrem seltenen popkulturellen Referenzen der Tatort-Reihe.
Der Fall selbst erscheint verworren, dreht sich um eine Gruppe ehemaliger DDR-Kampfschwimmer, die in ein Netz aus Diebstahl, Intrigen und Mord verwickelt sind – eher nachteilig wirkt sich hier die Vielzahl der eingeführten Figuren und der Versuch einer angemessenen Charakterisierung jedes Einzelnen aus, für die 90 Minuten schlicht nicht ausreichen. Angesichts der formalen Brillanz des Krimis muss man diese Schwäche jedoch als schlimmstenfalls marginal bezeichnen. Hier entwickelt der Film sein volles Potential, angetrieben von der in dogmaesker Manier durch die Szenerie oszillierenden Kamera. Erzeugt wird eine paradoxe Darstellung zwischen eindringlicher Nähe und dokumentarischer Distanz, die auch Dogma-Filmen innewohnt – auf diese Weise spiegeln sich inhaltlich-charakterliche Tendenzen in der formalen Präsentation wieder, eine auf diese Art schlicht geniale Umsetzung. Experimentelle Schnitte (z.B. Feuer -> Wasserleiche) und der gelegentlich Einsatz von Arronofsky-ähnlichen Close-Ups vertiefen den Eindruck kreativ-intelligenter Kameraarbeit, zudem induziert die Viehlzahl an Außenaufnahmen ein ausgeprägtes Stadtgefühl als wesentliches Stil- und Qualitätsmerkmal der Tatort/Polizeiruf-Reihe.
Sollten sich die Regie und formale Qualität auf diesem Niveau halten, haben die Fälle des neuen Rostocker Teams durch das sublime Charaktergefüge sicherlich Potential, zu den interessantesten der gesamten Tatort-Landschaft zu gehören. Für mich gehört der Polizeiruf vom gestrigen Abend sicherlich zu den uneingeschränkt besten Folgen seit dem Referenz-Tatort im Münsteraner Burschenschaftsmilieu.
